In memoriam Reinhold MERKELBACH

1918-2006

 

Photo 150 dpi

Photographie aimablement fournie par - Photography kindly provided by: C. RÖMER

 

Discours prononcé durant l'Assemblée Générale de l'AIP réunie à Ann Arbor le 4 août 2007

Speech delivered during the General Assembly of the AIP gathered in Ann Arbor on August 4th, 2007

par - by: Cornelia RÖMER

 

Reinhold Merkelbach wurde am 7. Juni 1918 im Westerwald geboren. Seine Familie war dort seit Jahrhunderten im Besitz einer bedeutenden Keramikfabrik, welche die für die Gegend charakteristischen grau/blau glasierten Gefäße herstellte.

Die Verantwortung für die vielen, die in dieser Fabrik arbeiteten, und natürlich die materielle Sicherheit, die aus diesem Besitz entsprang, haben Reinhold Merkelbach geprägt. Als Leiter des Instituts für Altertumskunde an der Universität Köln wusste er die Menschen zu motivieren und zu hohen Leistungen anzuspornen. Der Satz "Wie weit sind Sie, laufen sie jetzt nicht weg", ist vielen von uns noch im Ohr. Für ihn galt aber in der akademischen Welt der Satz, dass keiner eine rein mechanische Arbeit leisten solle, ohne daraus selbst Nutzen zu ziehen, und dass jeder, der nur Daten eingab, auch genug Zeit haben müsse, sich selbst fortzuentwickeln. Für die Leitung einer wissenschaftlichen Institution war in seiner Person eine glückliche Kombination von hervorragendem Wissenschaftler und geschäftlich versierten Organisator gefunden. Für einige war dies gewiss auch unheimlich und nicht leicht zu akzeptieren. Doch der Erfolg des Instituts für Altertumskunde, welches seit den frühen 60er Jahren zum Zentrum für das Studium der Antike in Deutschland aufgestiegen war, spricht für sich.

Reinhold Merkelbach studierte zunächst in Hamburg bei Bruno Snell; bei dem Verfasser von "Die Entdeckung des Geistes" promovierte er über die Odyssee, lernte, die Gedanken hinter den Worten aufzuspüren und sich in die Welt der antiken Menschen einzudenken. Vorlesungen bei Reinhold Merkelbach waren von der Lebendigkeit des Augenblicks durchdrungen, den er aus vergangener Zeit vor unseren Augen entstehen lassen konnte. So wurden die Studenten auch angehalten, vor allem Phantasie walten zu lassen für das, was Menschen anderer Zeiten erlebt hatten. Diese geradezu hedonistische Art, sich die Vergangenheit zu vergegenwärtigen, war bei Reinhold Merkelbach gepaart mit strenger philologischer Disziplin. Man konnte bei ihm auch Textkritik lernen, und selbst die machte Spaß.

Seminare und Vorlesungen bei Reinhold Merkelbach haben in vielen den Wunsch entstehen lassen, sich mit der Antike ein Leben lang zu befassen.

Neben - man kann fast sagen - allen Texten der Antike interessierten ihn die antiken religiösen Vorstellungen und ihre Vermischung in den verschiedenen Kulturen. Der Religionswissenschaftler Karl Meuli in Basel war hier für ihn von entscheidendem Einfluss. Aber Reinhold Merkelbach theoretisierte nicht. Er las nicht nur die Texte und beobachtete die Menschen darin, sondern betrachtete auch Bilder, Skulpturen, Alltagsgegenstände. Sie waren für ihn weitere Teile des Mosaikbildes, das es zusammenzusetzen galt. Aus diesen frühen Studien bei Meuli sind in den späteren Lebensjahren von Reinhold Merkelbach die - in einem wörtlichen Sinn - wundervollen Bücher über den persischen Gott Mithras, den griechischen Gott Dionysos und die ägyptischen Götter Isis und Serapis geschrieben worden. Diese Bücher bestehen zu einem großen Teil aus Bildern.

In Hamburg hatte Reinhold Merkelbach die Welt der Papyri kennen gelernt; aus seiner Edition des Hamburger Papyrus mit den Briefen Alexanders des Großen entsprang das Interesse am Alexanderroman, dessen Ursprung er auf diese Briefe zurückführte und neu erklärte. In seinem Buch "Roman und Mysterium", welches heute noch Diskussionen entfacht, verbanden sich die Faszination dieser letzten antiken Literaturgattung mit seiner Liebe zu den antiken Religionen.

1961 wurde Reinhold Merkelbach auf den Lehrstuhl nach Köln berufen. Es setzte nun die große Zeit der Kölner Papyrussammlung ein; der Kölner Archilochos und der Alcaios kamen heraus. Manchem wird noch der Karnevalsscherz aus der ZPE von 1973 in Erinnerung sein, als er das Etikett einer Martiniflasche mit einem Trinklied des Bacchylides, Frg. 20, verglich. Gleichzeitig arbeitete er mit Martin West an der Edition der Hesiodfragmente, von denen viele auch nur auf Papyrus erhalten sind.

Natürlich hat es uns geschmerzt, dass er sich in den 80er Jahren mehr und mehr den Inschriften zuwandte. Hier schien noch mehr Neues an Texten zu erwarten. Doch er kehrte ständig zu den Papyri zurück, leistete Hilfe und gab Anregungen. Es entstand bei ihm nicht das Gefühlt, dass eigentlich er die ganze Arbeit getan hatte; er ließ genug freien Raum. Hier in Ann Arbor hat er mit Ludwig Koenen und mir an der letzten Edition des Mani Kodex gearbeitet. Mit Herbert und Louise Youtie verband das Ehepaar Merkelbach eine Freundschaft, die weit über das fachliche hinausging.

Der Wissenschaftler Reinhold Merkelbach hinterlässt 13 Texteditionen, 19 Monographien und fast 600 Aufsätze. Er war Ehrendoktor der Universität Besançon, gewähltes Mitglied der Nordrhein-Westfälischen Akademie der Wissenschaften, korrespondierendes Mitglied der British Academy, Ordinarius in Erlangen und Köln und Vizepräsident des Comité International de Papyrologie. Seine Schüler arbeiten heute in den USA und vielen europäischen Ländern. Sie alle haben bei ihm auch gelernt, dass es neben der Freude an dem Fach auch eine Verantwortung für das Fach gibt, welches persönlichen Interessen unterzuordnen ist. Die Förderung des Nachwuchses hat Reinhold Merkelbach unermüdlich betrieben. Dabei war sein Haus, in dessen Mittelpunkt sein Frau Lotte stand, oft der Versammlungsort, wo bis tief in die Nacht in kleinen Gruppen gearbeitet wurde. Alle Altertumswissenschaften verdanken ihm viel, besonders die Papyrologie und die Epigraphik.

Am 28. Juli 2006 ist Reinhold Merkelbach gestorben. Es ist nicht leicht, den hohen Ansprüchen, die er in unseren Fächern menschlich und fachlich vorgelebt hat, gerecht zu werden. Uns darum zu bemühen, auch wenn unsere Voraussetzungen bescheidener sind, ist unsere Pflicht.

 

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